Kulinarik-Wissen aneignen

Im Landkreis Mayen-Koblenz

Die Magie der Kräuter

Kaum ein Garten kommt ohne sie aus: Kräuter. Sie geben Speisen den letzten Pfiff. Rosmarinkartoffeln aus dem Backofen, Kräuterbutter für den Grillabend oder die beliebte Frankfurter Sauce mit einem ganzen Bund an Kräutern. Menschen nutzen sie schon seit Jahrtausenden – als Gewürz in Speisen, als Heilmittel, zum Färben oder in früheren Zeiten bei Riten und Bräuchen, um die Gunst der Götter heraufzubeschwören. Von Generation zu Generation gaben die Menschen einst ihr Wissen weiter. Forscher gehen davon aus, dass bereits vor mehr als 50.000 Jahren Heilpflanzen verwendet wurden. Ein erstes schriftliches Zeugnis ist ganze 4600 Jahre alt und stammt aus Mesopotamien. Die Wirkung der Kräuter probierten die Menschen früher einfach aus und beobachteten, was bei bestimmten Symptomen half – oder auch nicht. Mutig aus heutiger Sicht, doch ohne unsere wissenschaftlichen Analysemöglichkeiten der einzige Weg, die Wirksamkeit der Heilpflanzen zu entdecken. Die schriftlichen Niederschriften halfen den Menschen, ihr Wissen weiterzugeben. Die Ägypter füllten viele Papyrusrollen und auch die griechischen und römischen Heilkundler schrieben ihre Rezepte für Tinkturen, Salben und Tees auf.

Das Wissen der Nonnen und Mönche

Einer der bekanntesten Mediziner dieser Zeit ist der griechische Arzt Hippocrates, der sein Wissen in seiner Sammlung „Corpus hyppocraticum“ der Nachwelt hinterließ. Noch sammelten die Menschen die Kräuter in der Natur. Die Nonnen und Mönche – allen voran die Benediktiner – kultivierten schließlich die Pflanzen in ihren Klostergärten. Sie verfügten über ein umfangreiches Wissen über Kräuter und ihre Heilwirkungen, auch wenn ihr Wissen den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht immer standhält. Doch Vieles gilt auch heute noch: Salbei hilft beispielsweise gegen Entzündungen und regt die Verdauung an. Liebstöckel ist appetitanregend – ob das Kraut jedoch auch vor Hexen und finsteren Mächten schützt, möge jeder für sich beurteilen. Ackerschachtelhalm nutzten die Klosterbewohner dagegen auch als Putzmittel für ihr Zinngeschirr. Die Färber-Hundskamille eignet sich beispielsweise als Farbstoff für kräftige Gelbtöne. Mit Färber-Ginster wurden nicht nur Stoffe gefärbt sondern auch handgeschöpftes Papier und die Stockrose diente als Färbemittel für Tee und Wein.

Hildegard von Bingen war nicht nur eine der bedeutendsten Mystikerinnen ihrer Zeit, sie verfasste Mitte des 12. Jahrhunderts auch zahlreiche medizinische Schriften. Sie beschrieb die Heilpflanzen und erklärte ihre Wirkung. Johanniskraut oder Lavendel werden heute noch als Beruhigungsmittel genutzt und die Malve hat eine schleimlösende Wirkung. Einfach und schnell lassen sich Insektenstiche lindern: einfach ein Blatt des Spitz- oder auch des Breitwegerichs zwischen den Fingern zerreiben und auf die betreffende schmerzende Stelle auflegen.

Mit Kräutern würzen

Die Welt der Kräuter ist eine magische Welt – nicht nur in Bezug auf die Heilwirkungen einzelner Gewächse. Mit Kräutern würzen ist nicht nur gesund, es schmeckt auch köstlich. Das wissen auch die Gastronomen der Ferienregion Mayen-Koblenz, die für ihre Gerichte gerne auf Kräuter zurückgreifen, um dem Essen den letzten Pfiff zu geben.

Um die Köstlichkeiten auf den Tisch zu bringen, reicht ein Spaziergang in die Natur. Denn Vieles, was unscheinbar am Wegesrand wächst, ist essbar und regt die Geschmacksnerven an. Dr. Lutz Neitzert aus Neuwied-Oberbieber ist ein Kräuterexperte, der sein Wissen bei Kräuterwanderungen weiter gibt. „Die Natur ist spannend“, schwärmt er. Warum Giersch so einen schlechten Ruf habe, könne er nicht verstehen, „der ist so lecker“. Wer also im Garten nicht Herr über das vermeintliche Unkraut wird: Einfach in den Salat damit! Die frischen Blätter der Buche können ebenfalls in den Salat wandern, denn sie sind essbar. Fichten- und Tannenspitzen schmecken ebenfalls gut, Eibe ist dagegen giftig. Etwas Vorsicht ist manchmal nötig beim Sammeln. Einen Tipp hat Neitzert für die Neulinge unter den Kräuterliebhabern: Die Apps zur Pflanzenerkennung seien mittlerweile sehr gut. Also nichts wie raus in die Natur und auf Erkundung an den Wiesenrändern und Wäldern gehen.

Natur wachsen lassen

Christian Havenith betreibt nicht nur die Vielfachgärtnerei in Wassenach, sondern ist ebenfalls ein ausgewiesener Experte in Sachen Kräutern. Er beschäftigt sich viel mit den alten Kräutern. In Kürze kommt ein keltisches Kochbuch von ihm heraus. Die Römer hätten damals ihren Wein mit Kräutern gewürzt, weiß der Kräuterpädagoge und Biologe. „Der Wein damals schmeckte anders als heute“. Minze und Mädesüß fanden unter anderem ihren Weg in die Amphoren. Davon ließen sich schon 500 v. Chr. die Kelten inspirieren und fügten auch noch Waldmeister hinzu – ein Vorläufer der heute bekannten Maibowle, bei der auch Waldmeister eine der Hauptzutaten ist.

Wer in seinem Garten die natürliche Vielfalt an Pflanzen erweitern möchte, dem gibt Havenith einen einfachen Rat: Man bräuchte nicht extra Kräuter aussäen, sondern einfach mal eine kleine Fläche im Garten sich selbst überlassen und schauen, was dort wächst. Es könnte doch ein kleines Experiment für die ganze Familie sein. Für die Bestimmung der Kräuter eignet sich ein Kurs bei einem Kräuterexperten als Grundlage oder ein Bestimmungsbuch. Spannend ist es auf jeden Fall zu sehen, was auf dem heimischen Grund entsteht – Wildbienen und andere Insekten freuen sich über die Vielfalt.

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